Wilhelm Hein

Filmemacher Wilhelm Hein. © Annette Frick

Wilhelm Hein zum 85. Geburtstag – Zauber der Entzauberung

Seit den Sechzigern schreibt der Filmavantgardist Wilhelm Hein an einer subversiven
Bildgeschichte.

Lange bevor die Digitalisierung daranging, der analogen Filmwelt den Garaus zu machen,
krempelte in den sechziger Jahren eine junge Avantgarde ihr Innerstes nach außen. Während der
junge deutsche Autorenfilm mit Hilfe der neuen Förderung weiter Erzählfilme produzierte, rückten
die Experimentierfreudigen dem geliebten Medium mit der Schere zu Leibe. In ihrem 1968 weltweit
gefeierten Montagefilm „Rohfilm“ bombardierte das in Köln lebende Paar Wilhelm und Birgit Hein
das Publikum förmlich mit Bildern, die man nie hatte sehen sollen.

Als Underground-Kinomacher und Filmvorführer hatte Wilhelm Hein Fetzen von Vorlaufbändern
gesammelt, die nun eine sonst unsichtbare Materialität des Mediums sichtbar machten. „Es geht
um Bilder und wie Bilder funktionieren“, fasst der in Berlin lebende Filmkünstler, der an diesem
Mittwoch seinen 85. Geburtstag feiert, den Impuls hinter diesem bei aller Strukturiertheit
berauschenden Bildersturm zusammen. Das Paar, das 1972 und 1977 an der Documenta
teilnahm, trennte sich 1988. Fortan schufen beide völlig unabhängig voneinander Werke, die auf
höchst unterschiedliche Art weiterhin von der Skepsis gegenüber der industriellen Filmproduktion
zeugten – Birgit Hein starb 2023.

„Was mich immer interessiert hat, ist von einer geschlossenen Form wegzukommen“, sagt Wilhelm
Hein, dessen immenses Spätwerk als der wohl schillerndste, in großen Teilen ungehobene Schatz
der deutschen Filmgeschichte gelten kann. 2013 vollendete er den epischen, etwa 15-stündigen
16mm-Experimentalfilm „You Killed the Undergroundfilm Or The Real Meaning of Kunst
bleibt…bleibt…“, an dem er seit den späten 80er Jahren gearbeitet hatte.

Unter dem von einer im Film dokumentierten Performance des Künstlers Jack Smith abgeleiteten
Titel verbirgt sich eine Einladung in einen beglückenden künstlerischen Nonkonformismus, in dem
sich die Geister einer subversiven Kunst die Hände reichen: Marcel Duchamp, George Grosz oder
Arnold Schönberg, Derek Jarman, Kurt Kren, Samuel Beckett, Pete Seeger oder Andy Warhol.
Heins autobiografisch gefärbtes Filmwerk verschmilzt eine ganze Bandbreite von Ausdrucksformen
des Avantgardefilms: Found-Footage, strukturelle Elemente und dokumentarische Bilder verbinden
sich zu performativen Montagen, die sich durch den Einsatz von zugespielten Toncollagen stets
erneuert.

Der 100-Stunden-Film

Sein folgender, auf Video gedrehter Film treibt diese Befreiung der Form noch eine Spur weiter:
Entfesselt von den materiellen Beschränkungen des kostspieligen Filmmaterials, hat „Das große
und das kleine Tohuwabohu“ hundert Teile und dauert ebenso viele Stunden. Der Fluss ist
befreiend, aber nie beliebig, und wenn an visuellen Tabus gerührt wird, dann geht es gerade nicht
um äußerliche Provokation.

So forschte Hein über viele Jahre in Polen nach sichtbaren Spuren des Holocaust unter
weiträumiger Umgehung überbenutzter Bilder. Was seinen Filmen dabei mitunter eine
unaufdringliche Emotionalität verleiht, ist ihre geradezu schutzlose autobiografische Perspektive.
„Es gibt keine Schmuddelecke“, sagt Wilhelm Hein, „Es gibt nur Kitsch und falsche Gefühle.“

Wie kaum ein zweiter Filmemacher hat er mit den Mitteln der Avantgarde eine persönliche
Erzählung des 20. und 21. Jahrhunderts geschaffen. Mit seiner Lebensgefährtin, der Fotokünstlerin
Annette Frick, gibt er zudem seit 1992 die Bilder-Zeitschrift „Jenseits der Trampelpfade“ heraus.
Heins Filme stellen sich mit obsessivem Einsatz dem entgegen, was man die Macht der Bilder
nennt. In ihrer Entzauberung entsteht dabei oft ein eigener fragiler Zauber.

Von: Daniel Kothenschulte, Film- und Kunstkritiker (Frankfurter Rundschau, Monopol)